Zurück zur Startseite

ruhrkunst - Online

Die virtuelle Galerie für Kunst und Künstler aus dem Ruhrgebiet

Essay - Das Ruhrgebiet

Galerie Literatur Service Info/Impressum

 

Das Ruhrgebiet

Laut Meyers Großem Taschen-Lexikon ist das Ruhrgebiet „der bedeutendste deutsche Industriebezirk und das dichtest besiedelte Gebiet Europas“. Die ineinanderübergehenden Städte erstrecken sich vom linksrheinischen Teil Duisburgs bis Dortmund.

Kaum eine andere Landschaft ist so sehr mit gegensätzlichen Klischees belastet wie gerade das Ruhrgebiet. „Russ-Land“, „industrielle Dreckecke“, „Maloche“, „kommunales Kompetenzgerangel“, „Kirchturmpolitik“, „Städtedschungel“, „zerstörte Landschaften“, „hohe Arbeitslosigkeit“, „verschmutzte Umwelt“ und „inhumaner Lebensraum“ sind nur einige der gängigsten negativen Vorurteile. Doch gibt es wirklich nur Nachteiliges über diese Region zu sagen? Sicher nicht. Da ist weitaus mehr. In der Kolonie gibt’s den „Taubenvatta“, der sich liebevoll um seine Tiere kümmert, um die Ecke gibt’s die Stehkneipe, wo sich abends nach der Arbeit die Kumpel noch auf ein Pilsken treffen, am Ende der Straße steht die Bude, an der die Nachbarn eben schnell ein paar vergessene Kleinigkeiten kaufen können, spielt der Revierfußball eine wichtige Rolle, den viele mit Leib und Seele verfolgen. Wenn die Fans samstags „auf Schalke“ gehen, herrscht das Gefühl, etwas gemeinsam zu haben. Und das ist nicht nur der runde Ball. Ruhrgebietsromantik voller Klischees. Aber positive.

Industrie und Idylle. Ein Begriffspaar, das das Leben im Ruhrgebiet sehr gut beschreibt. Der Alltag der hier Wohnenden wird dadurch in seiner Widersprüchlichkeit charakterisiert. Sicherlich, einerseits beherrscht die Industrie das Ruhrgebiet. Finden sich überall ausgedehnte Werksgelände, rauchende Schornsteine und triste Förderanlagen. Bestimmt die Arbeit das Leben. Doch andererseits ist für die Menschen, die hier wohnen und ihr Geld verdienen, das Gebiet zwischen den Flüssen Ruhr, Emscher und Lippe eine Lebenseinstellung. Sie lieben ihren „Pott“. So wie er ist. Bunt und schillernd.

Natürlich wissen hier alle, dass in ihrer Heimat keine rosarote Idylle vorherrscht, doch leben sie trotzdem gern hier. Zumindest die meisten. Und das hat seinen Grund: Vielleicht ist diese Gegend für sie tatsächlich „Heimat“, bietet ein Stück Geborgenheit und Nähe. Ist für sie Ausdruck der Empfindung von Zuhause-zu-sein und Wärme. Hier arbeiten sie nicht nur, nein, hier verbringen die Menschen ihr Leben und schaffen sich am „Feierabend“ ihre ganz privaten Nischen, um glücklich zu sein.

Ein wichtiger Faktor, der das Dasein an Rhein und Ruhr lebenswert macht, ist sicherlich das reichhaltige kulturelle Angebot in der Region. Dem Wunsch der Menschen nach abwechslungsreicher Freizeitgestaltung in diesem Ballungsgebiet steht eine bunte und umfangreiche Palette an Möglichkeiten gegenüber. Hierzu zählt nicht nur die vielschichtige Museenlandschaft, sondern auch die zahlreichen Theater mit ihren teilweise experimentierfreudigen Regisseuren und Ensembles. In der Stadtlandschaft des Ruhrgebiets gab es die Tradition des Hoftheaters gar nicht und die des Bürgertheaters kaum. Trotzdem ist es hier gelungen, eine anspruchsvolles Theaterangebot zu gestalten. Dies liegt unter Umständen daran, dass die Arbeiterstädte immer eine starke Sehnsucht nach der Bürgerkultur hatten. Das Schauspielhaus in Bochum, die Städtischen Bühnen in Dortmund, das Grillo- oder das Aalto-Theater in Essen - um nur einige zu nennen - halten ein ausgezeichnetes und abwechslungsreiches Repertoire bereit. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang aber auch die Deutsche Oper am Rhein, die musikalische Theaterehe zwischen Duisburg und Düsseldorf.

Der Museumsausbau nahm seinen Ausgang mit dem Erstarken der neuen Großstädte an Rhein und Ruhr. Im Rahmen dieses Prozesses wuchs bei den Bürgern die Einsicht in die zwingende Notwendigkeit eines persönlich-mäzenatischen Engagements für Aufgaben, die nicht den übermächtigen Arbeitsbereich, sondern den Lebensbereich Stadt und damit das Allgemeinwohl betrafen. Publikumsmagneten für Kunstfreunde sind heute sicherlich das Folkwang-Museum in Essen, das Museum am Ostwall in Dortmund sowie das Lehmbruck-Museum und das erst vor kurzem eröffnete Museum Küppersmühle in Duisburg.

Das Ruhrgebiet hat eine bewegte Geschichte hinter sich - und wohl auch noch vor sich, die nicht immer gradlinig verlief. Offensichtlich hierbei ist die Parallele zwischen dem Wachstumsprozess der Städte und dem zunehmenden Ausbau von Kohleförderung sowie Schwerindustrie. Die ursprüngliche wirtschaftliche Bedeutung dieser Region beruhte auf ihren reichen Kohlevorkommen. Am Anfang des 19. Jahrhunderts war das Gebiet zwischen Emscher, Lippe und Rhein noch ein verträumtes Bauernland - auch wenn schon vereinzelt im Mittelalter die Kohleförderung begonnen hatte. Doch dann setzte in den 1850er Jahren mit Macht die Industrielle Revolution ein. Mit ihr entstand die Notwendigkeit, sich einen Energielieferanten zu erschließen, der zum Heizen, Gießen und Schmieden genutzt werden konnte. Was lag da näher, als sich der heimischen Rohstoffe zu bedienen? Also der Kohle.

Es waren zwei technische Neuerungen in dieser Zeit, die den Weg zum Schachtabbau des „schwarzen Goldes“ in größerem Stile freimachten. Zum einen die Erfindung der Dampfmaschine, die das Abpumpen des einströmenden Grundwassers erlaubte. Zum anderen die Entwicklung eines Verfahrens, die harte Mergelschicht im Boden zu durchstoßen, die Franz Haniel im Jahre 1838 gelang. Von nun an konnte die Kohlegewinnung in weitaus umfassenderen Stil einsetzen. Ihr Abbau wanderte seitdem aufgrund der jetzt möglichen größeren Fördertiefe immer weiter von Süden nach Norden. Die Kohleproduktion wuchs rasend schnell von 114 Mio. Tonnen im Jahre 1850 auf knapp zwei Mio. Tonnen Jahre 1913.

Die technischen Neuerungen und die in ihrem Zuge entstehenden Arbeitsplätze hatten natürlich auch einen Einfluss auf die Bevölkerungsstruktur. Als Folge davon, dass es nun möglich war, die Kohle - die Basis der Schwerindustrie im Ruhrgebiet - in großem Maße zu fördern, strömten ab Mitte des 19. Jahrhunderts Polen, Pommern, Schlesier und Preußen in den „Pott“. Trotz der teilweise unmenschlichen Bedingungen unter Tage kamen vor allem zwischen 1850 und dem Ersten Weltkrieg Millionen von hoffnungsvollen Menschen hierher. Sie waren in ihrer Heimat für die harte Arbeit an Rhein und Ruhr angeworben worden. So stieg in der Zeit von 1852 bis 1925 die Bevölkerung des Ruhrgebietes von ca. 375 000 auf 3,8 Mio. Bewohner an. Die Menschen gingen ins „Revier“, weil sie sich hier einen bescheidenen Wohlstand in Form eines Häuschen, eines Gartens und eine reelle Entlohnung erträumten. Diese Hoffnung hatte ihre Ursache im rasanten wirtschaftliche Aufschwung im Bereich der Stahlproduktion und der Kohleförderung. Vielleicht kamen diese Menschen aber auch nur, weil sie glaubten, eh nichts zu verlieren zu haben.

Die „umfassende industrielle Modernisierung des Ruhrgebiets vollzog sich bei einer weitgehenden Erhaltung der Formen innerbetrieblichen Kommunikation und Hierarchisierung“, wie der Bochumer Geschichtsprofessor und Experte für die Sozialgeschichte des Ruhrgebietes, Hans Mommsen, urteilt. Er stellt weiter fest, dass die große Mehrheit der Bergarbeiter an ihrer alten - zumeist konservativ bäuerlichen - Mentalität festhielt. Dies wirkte wiederum auf die anwachsende Arbeiterschaft in der stahl- und eisenzeugenden Industrie zurück. In den neu entstehenden Metropolen an Rhein und Ruhr vermehrte der immense Bevölkerungszustrom aus den dörflichen Siedlungen also den Einfluss einer traditionsbewussten Mentalität statt sie aufzulösen. Dies bekam auch die sich neu gründende sozialdemokratische Arbeiterbewegung schnell zu spüren. Sie musste sich gegen starke Widerstände durchsetzen. Staatliche und mentalitätsmäßige.

Wo lag nun der Ursprung der neuen Metropolen an Rhein und Ruhr? Die Entwicklung der Ruhrgebietsstädte vollzog sich überall nach dem gleichen Muster. In der Nähe von Schachtanlagen entstanden die sogenannten „Kolonien“: Werkswohnungen, in denen die Arbeiter mit ihren Familien leben konnten. Mehrere solcher Kolonien machten die Siedlungskerne der Revierstädte aus, um die herum dann Schulen, Geschäfte und andere Gebäude entstanden. Auf diese Weise wuchsen die Städte rasend schnell. Aber nicht nur die Städte, sondern auch die sozialen Brennpunkte wuchsen, wenn so viele Menschen auf engem Raum aufeinander trafen.

Seit Mitte der 1850er Jahre ging durch eine preußische Gesetzesnovelle die Herrschaft der Bergämter zu Ende. Bisher waren die - wenn auch teilweise recht dürftigen - Lebensverhältnisse der ‚Unter Tage‘ Beschäftigten abgesichert. Nachdem die Bergleute durch die Existenz der Bergämter als ständige „eingeschriebene“ Bergleute ein Recht auf Arbeit genossen hatten, hielt nun der freie Arbeitsvertrag Einzug auf den Zechen. Die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse war ab jetzt der Übereinkunft zwischen Unternehmern und Arbeitern überlassen. Als Antwort auf diese Entwicklung und ihre untergeordnete soziale Stellung begannen die Arbeiter sich - allerdings noch vorsichtig wegen der restriktiven preußischen Gesetzgebung - in eigenen Vereinen und Gewerkschaften zur Durchsetzung ihrer Interessen zu organisieren. Die Arbeiterbewegung war geboren.

Das Ruhrgebiet entwickelte sich durch Kohle und Stahl im Laufe der Zeit zu einer der erfolgreichsten Industrieregionen in der ganzen Welt. Allerdings war die Basis von Kohle und und Stahl für den Aufschwung letztlich doch nicht tragfähig genug, wie die Mitte der 1950er Jahre einsetzenden Krisen der Montan-Industrie belegen. Bis zu dieser Zeit bot die Schwerindustrie an Rhein und Ruhr die sichere Aussicht auf Arbeit und Verdienst. Doch nun wurde die heimische Kohle zunehmend aufgrund veränderter Standortbedingungen durch Erdöl, Erdgas und billigere Importkohle als Hauptenergielieferant verdrängt. Als Folge dieser Entwicklung und allgemeiner Rationalisierungsmaßnahmen mussten zahlreiche Zechen im Revier dichtgemacht und Stahlwerke geschlossen werden. Die Bewohner des „Potts“ gerieten nicht selten wegen der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit in existentielle Not.

Ein weiter Knackpunkt für das Revier ist nach dem Zechensterben der 50er Jahre die kritische Situation der Stahlindustrie seit den 80er Jahren. Sie wird hervorgerufen durch die Überflutung des deutschen Marktes mit Stahl, der zu Dumpingpreisen angeboten wird. Im Rahmen dieser Entwicklung verloren Städte wie Hattingen, Oberhausen oder Duisburg einen großen Teil ihrer Arbeitsplätze.

So schlimm die Montan-Krise auch für den einzelnen Betroffenen gewesen sein mochte, so gab sie doch den Anstoß zu einem umfassenden Strukturwandel im Ruhrgebiet, der noch lang nicht abgeschlossen ist. Wirtschaft und Politik mussten auf die Krise reagieren. Niemand konnte so blauäugig sein und auf kalte Winter hoffen, damit der Kohleverkauf wieder stieg. Neue Produktionsfelder galt es und gilt es zu erschließen.

Die aktuelle Veränderungsprozesse von der Montanindustrie zur Dienstleistungs- und High-Tech-Region bedingten und bedingen eine Neuorientierung der Gesellschaft und ihrer Werte, einen Wandel der Städte und Landschaften im Ruhrgebiet. Koordiniert wurde und wird dieser Änderungsprozess vom Kommunalverband Ruhr (KVR). Sein Vorläufer, der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, wurde bereits am 5. Mai 1920 durch ein Gesetz der Preußischen Landesversammlung ins Leben gerufen. Es handelte sich hierbei um den ersten Raumordnungsverband auf regionaler Ebene. Der Verband sollte helfen, die Infrastruktur des Ruhrgebietes zu gestalten und Probleme der Wohnraumbeschaffung zu lösen. Aus diesem Zusammenschluss ging am 1.10.1979 der Kommunalverband Ruhrgebiet hervor.

Die Neustrukturierung des Verbandes war nötig geworden, weil sich seine mittlerweile weit über Siedlungsfragen hinausgehenden Aufgaben nicht mehr nur durch Ausnahmeregelungen koordinieren ließen. Die bedeutendste Veränderung dieser Körperschaft besteht wohl in der Tatsache, dass ihm jederzeit zusätzliche Zuständigkeiten in Übereinstimmung mit den Kommunen zugesprochen werden können. Das übergeordnete Instrumentarium ist für die Ruhrgebietskommunen auch sicherlich dringend notwendig, da es keinen eigenen Regierungsbezirk Ruhrgebiet gibt, der diese Aufgaben wahrnehmen könnte.

Unter der Schirmherrschaft des KVR fand auch die Internationale Bauausstellung Emscher Park statt, die 1999 zu Ende ging und in deren Rahmen mehr Lebens- und Wohnqualität, architektonische, städtebauliche, soziale und ökologische Maßnahmen als Grundlage für den wirtschaftlichen Wandel in der alten Industrieregion an Rhein und Ruhr dargestellt wurde. Heute sind die Zeichen, die 150 Jahre Industriegeschichte im Revier hinterlassen haben, architektonische Zeugnisse und erklären die Geschichte dieser Region. Sie sind weithin sichtbare Landmarken, Orientierungs- und vielleicht auch Identifikationspunkte für die hier Lebenden.

(Autor: J.Osterloh)