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Marie Masbaum

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Marie Masbaum

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Die Suche oder: Ein Herzenswunsch

Es war einmal ein ganz kleines Wesen mit einem ganz großen Problem. Es hatte nämlich eine riesige Nase, so riesig, dass man seinen Körper dahinter gar nicht mehr sah. So wurde es von niemandem wahrgenommen, denn wer unterhält sich, spielt oder lacht denn schon mit einer Nase ? Und diese seine Einsamkeit machte unser Wesen - es hieß übrigens Cerlina -- sehr unglücklich. Es gehörte nämlich zu den Werlen, das sind winzige Feen mit einer besonderen Gabe : sie erfüllen Herzenswünsche. Aber um das tun zu können, müssen sie natürlich erst einmal jemanden kennen lernen.

Unsere Cerlina war inzwischen drei Jahre alt geworden, hatte noch mit keinem Menschen gesprochen und wusste sich keinen Rat mehr. Sie wollte so gerne jemanden glücklich machen -- aber wie ? aber wo ? aber wen ? So entsetzlich einsam fühlte sie sich, so unnütz und so allein, dass sie schließlich ganz teilnahmslos wurde. Sie wollte nur noch ihre Ruhe haben, deswegen zog sie aus ihrer Mauernische um in einen Keller, der vollgestopft war mit Gerümpel und alten Möbeln. Die einzigen Lebewesen dort waren Fliegen, Silberfischchen, Käfer, Spinnen und andere Krabbeltiere, mit denen sich Cerlina auch nicht unterhalten konnte, ganz einfach deshalb, weil sie ihre Sprache nicht verstand. Da Werle dazu bestimmt sind, Menschen zu beglücken, haben sie nämlich deren Sprache als ihre angenommen. Große Gefahr drohte durch eine Mäusefamilie, die das kleine Reich grausam regierte, deswegen war Cerlina froh, in einer Schreibtischschublade Zuflucht zu finden. Wie sie diese Zeit überlebt hat ohne etwas zu essen, werdet ihr mich fragen, aber da kann ich euch beruhigen : Werle nehmen nämlich nur zweimal im Jahr Nahrung zu sich, anderenfalls wäre Cerlina wohl bald verhungert.

Und noch bevor dieses halbe Jahr herum war, geschah etwas, das Cerlinas Leben dramatisch veränderte :

An einem zunächst ganz gewöhnlichen Tag wurde Cerlina mehr als unsanft geweckt von einer heftigen Erschütterung, die sie in die hinterste Ecke der Schublade schleuderte. Und dann fühlte sie sich hochgehoben, d.h. sich in dem Schreibtisch, der von festen Händen aus dem Keller getragen wurde. Cerlina, die bis dahin fast nur geschlafen hatte, war plötzlich hellwach, ängstlich natürlich und aufgeregt, aber auch sehr gespannt : Wo mochte diese Reise sie hinführen?

Auf jeden Fall bergauf, herum um eine Kurve, ein Stück geradeaus und wieder bergauf, und dann, nach einem letzten heftigen Ruck, stand der Schreibtisch wieder fest und sicher auf seinen Füßen. "Danke, Arno", hörte Cerlina eine Männerstimme sagen, "Julia wird sich freuen, wenn sie nachher aus der Schule kommt."

Ohren zu spitzen besaß Cerlina nicht, dafür bebten ihre Nasenflügel vom angestrengten Horchen. Und dann weiter in gespannter und banger Erwartung. Wahrscheinlich sehr bald schon würde ein Menschenkind sie finden, überlegte sie, das war das Beste, was ihr passieren konnte, denn Menschenkinder warfen nicht so schnell etwas weg wie die Erwachsenen, die schauten sich die Dinge vorher genau an. Dann würde sie blitzschnell reagieren müssen und gleich das Richtige sagen, damit ihr Gegenüber keine Angst bekam.

Sehen konnte sie leider gar nichts mehr, seitdem die Männer, bevor sie sich an den Transport des Schreibtisches machten, zuerst die Schublade zugeschoben hatten. In der Dunkelheit eingesperrt zu sein, das war beklemmend und unheimlich. Und noch unheimlicher dadurch, dass sie, nachdem die beiden Schreibtischträger gegangen waren, rein gar nichts mehr hörte. Wenn das nun auch an der verschlossenen Schublade lag, hatte sie keine Chancen sich bemerkbar zu machen. Aber da, aber dann - Cerlinas weit gestellte Nasenlöcher zogen sich ganz eng zusammen in Aufregung und Angst - vernahm sie plötzlich das Ding-Dong einer Türklingel, gleich darauf das Tür-Knarren, Stimmen, Lachen, ganz weit weg noch, und dann eilige Schritte, die immer näher kamen und endlich anhielten.

Nah, ganz nah musste der zugehörige Mensch jetzt sein !

"Wohw, voll Klasse, das Teil !" hörte sie eine Mädchenstimme rufen. "Ich räum gleich meine Sachen rein."

Cerlina zitterte vor Aufregung. Gleich würde sie da sein, ihre große Chance ! -- Vorsicht, Cerlina, sei dir da nur nicht zu sicher !

Ehe Julia nämlich die Schublade öffnete, stellte sie ihren CD-Player an, und gegen die Kelly Familiy auf Superlautstärke hatte Cerlina keine Chance. Und da Julia sich nicht einmal die Mühe machte, in die Schublade hineinzusehen, geschweige denn sie auszuwischen, sondern ohne alle Umstände ihre Hefte hineinstapelte und eine Hand voll Buntstifte, einen Anspitzer und zwei Radiergummis hinterher warf, blieb Cerlina nichts anderes übrig als in die hinterste Schubladen-Ecke zu flüchten. Wiederum im Dunkeln allein gelassen - Julia schloss nämlich die Schublade mit Karacho - fing Cerlina gewaltig zu schnüffeln an, und das tun Werle nur, wenn sie sehr traurig sind.

Sie wollte aber die Hoffnung nicht gleich aufgeben und so begab sie sich auf den mühsamen Kletterweg über die Hefte und Stifte hinweg bis zum Schubladen-Eingang. Dort würde sie ausharren, nahm sie sich vor, bis Julia bei ihren Hausaufgaben saß - die konnte sie doch unmöglich bei Dröhnmusik erledigen.

Oh doch, sie konnte ! Ein kurzes Weilchen, während Julia zu Mittag aß, hatte Cerlina Ruhe, dann aber ging es in voller Dröhnung wieder los. So laut spielte die Musik, dass Cerlina nicht einmal mitbekam, ob Julia dabei am Schreibtisch arbeitete. Und diese schlimme Erfahrung blieb nicht einmalig, nein, tagtäglich machte Cerlina nun ärgste Qualen durch.

Die ersten Töne, die sie am Morgen vernahm, waren noch menschlicher Natur : "Julia, aufstehen !"rief die Mutter, worauf zuweilen direkt ein Grunzen ertönte, oft aber erst beim zweiten oder dritten Rufen. Und damit Julia nicht nur grunzte, sondern aufstand, musste die Mutter meist rabiat werden. Diverse Schimpftiraden hatte Cerlina schon mit anhören müssen, und dass sie so etwas nicht gerne tat, brauche ich wohl nicht extra zu betonen. ‘Nein’, dachte sie traurig, ‘das schaffe ich nicht. Bin ich denn wirklich diesem Menschenkind zugeteilt ? Warum konnte der Schreibtisch nicht friedlich im Keller stehen bleiben ?!’ - Vergebliche Wünsche. Sie war nun einmal hier oben, kam nicht dazu, ihre Aufgabe zu erfüllen und musste bald einsehen, dass sie für einen solchen Kampf nicht gerüstet war.

Sobald Julia nach dem Mittagessen ihr Zimmer betrat, stellte sie den CD-Player an oder das Radio, und die erdröhnten dann bis spät in die Nacht, im Wechsel oder auch gleichzeitig mit dem Fernsehgerät. Immer wieder hatte Julia Freunde zu Gast, dann wurde es zwar noch lauter, trotzdem aber bedeutete es eine Erlösung für Cerlina, menschliche Stimmen zu hören, die nicht aus einem Apparat kamen. Auf horchte sie, sie wusste selbst nicht warum, wenn zuweilen Julias jüngere Schwester mit dabei war. "Kohlkopf !" sagte Julia zu ihr - ein seltsamer Name, nicht wahr ?

Und dann blieb es eines Nachmittags - Julia war am Morgen wie gewöhnlich mit Geknurre und Karacho aufgestanden - blieb es eines Nachmittags still im Zimmer, und je länger diese Stille dauerte, umso größer wurde sie und umso mehr Angst machte sie Cerlina. Ob Julia etwas zugestoßen war ? Cerlina horchte, so angestrengt sie es vermochte, aber sie hörte nichts Ungewöhnliches, nur die Geräusche, die sie jeden Tag vernahm. Niemand schien sich darüber zu wundern, dass Julia an diesem Tage nicht nach Hause zurückkehrte. Die Schwester hörte Cerlina heimkehren, und die war fröhlich und guter Dinge, also konnte nichts Schlimmes geschehen sein. Das Mittagessen zog sich an diesem Tage endlos hin - so erschien es zumindest Cerlina, die endlich erfahren wollte, wo Julia geblieben war. Als Mutter und Tochter in die Diele hinaustraten, spannte sie ihre Nasenflügel :

"Meinst du wirklich, Mama, dass Julia nichts dagegen hat ?" Die Stimme der Schwester klang nicht sehr überzeugt. "Ach, Nicola, mach dir doch nicht so viele Gedanken", lachte die Mutter, "ich erlaube es dir. Ich finde sowieso, dass du den Schreibtisch viel besser gebrauchen könntest als unser Fräulein Faulpelz."

Einen Augenblick später hörte Cerlina, wie jemand ins Zimmer kam, das mochte wohl Julias Schwester sein, Kohlkopf oder Nicola, wie sie auch immer heißen mochte. Eine neue Chance, endlich bot sich Cerlina eine neue Chance ! Bebend stand sie ganz vorne am Schubladenausgang, bereit, sich sofort bemerkbar zu machen, wenn diese geöffnet würde. Und dann wartete sie, wartete und wartete, hörte, wie Bücher und Hefte auf- und wieder zugeschlagen wurden, hörte, wie eine Füllfeder über das Papier kratzte, erfuhr Einiges über das Leben der Eichhörnchen, denn Nicola las sich diesen Abschnitt aus dem Biologiebuch laut vor, hörte auch einige "Mist!" und "Oh nein!", und als das Mädchen rief : "Verdammt, wo ist denn nur dieser blöde Anspitzer !", wagte sie noch einmal zu hoffen, auch wenn sie gleichzeitig wusste, dass Nicola (die ja schon ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie am Schreibtisch ihrer Schwester saß ) es niemals wagen würde, deren Sachen zu benutzen.

Will sagen, sie öffnete keine der drei Schubladen, also blieb Cerlina nichts anderes übrig, als über Rufe ihre Aufmerksamkeit zu erregen. "Hoffentlich hat Nicola gute Ohren!" wünschte sie sich, als sie anfing zu schreien, so laut sie es vermochte, und das war, ehrlich gesagt, ziemlich leise. "Nicola, heh Nicola", rief sie, "bitte mach mir auf, ich stecke in der mittleren Schublade." Als erste Reaktion hörte Cerlina nur, dass die Feder aufhörte zu kratzen, was aber schon ein gutes Zeichen war : Nicola hatte sie also gehört. Dann jedoch, als sie voller Hoffnung zum zweiten Male rief, geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. Anstatt die Schublade zu öffnen, sprang Nicola auf, rannte aus dem Zimmer und schrie dabei : "Mama, Mama, komm schnell, in Julias Schreibtisch spukt es !"

Oh je !!! So entsetzt hatte Nicolas Stimme geklungen, dass die Mutter sofort herbeieilte.

Ihr könnt euch denken, dass sie nicht an irgendwelche ominösen Spukgestalten glauben mochte. "Immer langsam !" suchte sie ihre Tochter zu beruhigen. "Ich wette, dass Julia dir einen Streich spielt. Also guck einfach nach, wo in ihrem Schreibtisch sie den Übeltäter verborgen hat."

Damit verließ die Mutter das Zimmer und Cerlina seufzte erleichtert. Bei ihrer ersten Begegnung hätte sie es nicht gerne gleich mit zwei Menschen zu tun gehabt. "Ach bitte, Nicola, trau dich !" flehte sie, und ihr Flehen wurde erhört. Sie musste zwar noch eine gute Weilewarten - Nicola untersuchte wahrscheinlich zuerst alles, was auf dem Schreibtisch stand, zog als nächstes die oberste Schublade auf und kramte darin herum - und dann, endlich endlich öffnete sie die Tür zu Cerlinas Wohnung.

Die war nun nicht mehr zu halten : "Bitte erschrick nicht", brabbelte sie los, " meine Nase ist arg groß geraten, aber das macht dir hoffentlich nichts aus. Ich bin furchtbar aufgeregt, weißt du, du bist nämlich der erste Mensch, der mit mir spricht. Bitte hol nicht deine Mutter, ich ....." "Halt, Halt, immer langsam ! Wo bist du denn ?" Die große Aufregung Cerlinas ließen Nicola selber ganz ruhig werden, und sehr neugierig. " Jetzt zeig dich erst mal. Wenn ich mit dir rede, möchte ich dich dabei ansehen." Die arme Cerlina, gerade noch voller Wort- und Tatendrang, fand plötzlich keine Worte mehr und spürte nur noch ein Gefühl, nämlich Angst. Wenn Nicola nun wieder schreien würde. Nervös wie sie war, hatte sie sich an den äußersten Rand der Schublade gepresst, schob sich nun langsam langsam zurück und im nächsten Augenblick standen sich unsere beiden Schicksalspartner Auge in Auge.

Eine ganze Weile schauten sie sich einfach nur an - den kleinen Schauder überwand Nicola rasch und sie war es dann auch, die das Schweigen brach : "Guten Abend, Nasenwesen", sagte sie, "wie heißt du ?" Ein Seufzer der Erleichterung ging Cerlinas Antwort voraus. "Cerlina", stellte sie sich vor, "ich bin ein Werl, d.h. eine Werlfrau natürlich. Aber wohl die einzige mit einer Monsternase." "Okay", meinte Nicola hierauf, "war schon ganz gut, dass du mich vorgewarnt hast."

Ich glaube, an dieser Stelle muss ich einfügen, dass Werle ihre Fähigkeit niemandem verraten dürfen, genauso wie sie ihren Menschen nach allem fragen dürfen, nur nicht nach seinem Herzenswunsch - da müssen sie schon auf andere Weise fündig werden. Aber zurück zu unserer Geschichte :

"Findest du mich sehr schlimm ?" flüsterte Cerlina.

Nicola lachte : "Du bist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Aber das ist schon in Ordnung so." Und ohne zu zögern fügte sie hinzu : "Ich glaube, ich mag dich."

Da fasste sich Cerlina ein Herz : "Darf ich vielleicht zu dir ziehen ?" bat sie. "Bei deiner Schwester ist die Musik so furchtbar laut, ich konnte noch kein Wort mit ihr sprechen und fühle mich so allein." Nicola lachte : "Klar, kein Problem ! Du brauchst ja nicht viel Platz, da werden wir schon einen Unterschlupf bei mir finden."

Weiter zu Teil 2