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Marie Masbaum

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Marie Masbaum

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Warum der Pudding erst zur Gerte werden muss, um seinen Zahnstocher zu finden

Es war einmal eine Frau, die war so schmal, dass sie durch jede Türritze passte, und ihre Hände waren so dünn wie Seidenpapier. So etwas hat Nachteile, sie wurde nämlich leicht übersehen und musste im Gedränge, z.B. in einem vollgestopften Autobus, schon mächtig aufpassen, dass sie nicht platt gedrückt wurde. Aber es hat auch große Vorteile : Wie oft schon war sie von Freunden und Bekannten gerufen worden, wenn dem einen sein Schlüssel, dem zweiten ein Geldstück und der dritten ihr Ring in eine Ritze gefallen waren. "Mäuschen" wurde sie liebevoll genannt, "Papierhandtuch" spöttisch und "Zahnstocher" von bösen Zungen, mit ihrem eigentlichen Namen aber hieß sie Mariella.

Mariella war eine durch und durch freundliche und hilfsbereite Frau, jung und schön dazu, von daher hätten sich die Männer um sie reißen müssen, indes machte ihr niemand einen Heiratsantrag. Unzählige Freunde hatte Mariella, aber heiraten wollte sie keiner. Und warum nicht ? Na, überlegt mal : Könntet ihr gut schlafen, wenn ihr ständig Angst haben müsstet, euren Ehepartner im Traum platt zu drücken ?

So war Mariella oft traurig, aber sie sprach zu niemandem darüber.

Nun passierte einmal dem König des Landes etwas sehr Dummes. Sein Schatzmeister nämlich hatte - ach, das ist schwer zu erklären, ich glaube, da muss ich etwas weiter ausholen :

Also, ihr müsst wissen, dass der König große Reichtümer besaß, die er in seiner Schatzkammer hinter Schloss und Riegel verborgen hielt. Trotzdem hatte er ständig Angst, es könnten Diebe dort eindringen und ihn seiner Schätze berauben. Des wegen hatte er einen Stab von Gelehrten, Weisen und Wissenschaftlern beauftragt, einen Mechanismus zu erfinden, der die Tür vollständig sicher machte. Nachdem sie sich lange beraten hatten, waren sie zu dem Schluss gelangt, sie müssten den Räubern eine Falle stellen. Sie hatten einen Spalt in die Tür eingelassen, breit genug, dass man seinen Finger hineinstecken konnte. Einem kräftigen Menschen würde es so gelingen die Tür aufzubrechen. Jetzt fasst ihr euch an den Kopf, nicht wahr : mein Gott, sind die dämlich ! Aber das war ja gerade der Trick : Sobald ein Räuber seinen Finger in die Ritze steckte, schloss die sich automatisch zusammen und er war gefangen. Das heißt, er würde gefangen sein, denn die Gefahr hatte sich rasch herumgesprochen und so hatte es bisher niemand gewagt, sein Glück zu probieren.

Und was war nun geschehen ? Der Schatzmeister hatte beim Aufschließen geträumt und war mit dem Schlüssel in die Ritze geraten. Seinen Finger hatte er im letzten Moment herausziehen können, aber der Schlüssel steckte fest im verschlossenen Spalt und so konnte niemand mehr die Tür öffnen.

Dieser Umstand entwickelte sich nun rasch zu einem Drama. Es war nämlich gerade der Monatsletzte und alle Diener im Schloss, vom Ersten Minister über den Koch bis zum Stallburschen verlangten ihren Lohn. Was aber sollte, was konnte der König tun ?

Auf der Stelle berief er seinen Ministerrat ein, aber die hohen Herren saßen nur da und starrten sich ratlos an. Bis einer von ihnen hochschoss und sagte : "Mariellla !"

"Wie bitte ?" Der König begriff nicht. Und dann wurden seine Augen immer größer, als man ihm von der schmalen Frau mit den wunderbaren Fähigkeiten berichtete.

"Warum habt ihr mir das nicht früher erzählt ?" In seiner Ungeduld tobte er gleich wieder. "Holt sie sofort hierher !"

Im selben Augenblick spritzte auch schon ein Bote zu Mariellas Wohnung, im nächsten stand sie vor dem König und im übernächsten vor der Tür zur Schatzkammer und damit vor dem unglückseligen Schlitz. Der keiner mehr war, will sagen er hatte sich so fest geschlossen, dass auch kein Blatt Papier mehr hindurch passte. Also selbst Mariellas Hände nicht, trotzdem versuchte sie es wieder und immer wieder, musste aber bald einsehen, dass sie nichts ausrichten konnte.

Auch der König war mit zu der Tür der Schatzkammer gekommen, um deren Öffnung zu erleben. "Was ist ?!" drängte er nun. Mariella drehte sich zu ihm. "Nichts", sagte sie- "Es geht nichts mehr. Ihr sitzt in Eurer eigenen Falle."

"Ja, aber man muss doch etwas tun können !" Hilflosigkeit war das Letzte, was der König ertragen konnte. "Ich werde dich auspeitschen lassen !" fuhr er den Schatzmeister an, der sich ängstlich in eine Ecke duckte.

"Auspeitschen bringt uns nicht weiter", suchte Mariella zu vermitteln. Und dann, direkt an den König gewandt : "Denk bitte nach, bevor du mich zurückweist. Gibt es einen Schutzgeist für deine Familie und für dein Schloss ?"

"So ein Qu....." Mariellas durchdringender Blick brachte den König zum Schweigen und dann begann er tatsächlich nachzudenken : Was hatten ihm Vater und Mutter erzählt ?

"Ich weiß nicht recht", zögerte er. "Meine Großmutter hat manchmal von ‘der großen Alten’ gesprochen. "Sie hält die Familie", sagte sie dann, "und sie lässt sie auch fallen. Also treibt es nicht zu weit." Wir haben immer darüber gelacht und ......."

"Aha !" unterbrach ihn Mariella. "Hier hast du also die Strafe für deine Selbstsucht. Da kann ich und da will ich dir auch nicht heraushelfen.

"Ja aber....." In des Königs nicht sehr geschultem Gehirn arbeitete es fieberhaft. "So habe ich ja nicht einmal mehr die Möglichkeit, meinen Dienern ihren Lohn auszuzahlen."

"Da trifft die Strafe natürlich die Falschen", überlegte Mariella. "Also gut, ich will zu der Alten gehen und sie für dieses Mal um Nachsicht für dich bitten." Der König atmete auf. "Sie wird allerdings ihre Bedingungen stellen." Unter Mariellas Blick schrumpfte er gleich wieder zusammen. "Ich werde alles tun, was sie verlangt", beeilte er sich zu versichern. "Aber dazu müssen wir sie erst einmal finden. Ich habe keine Ahnung, wo man sie suchen könnte."

"Das lass meine Sorge sein", entgegnete Mariella. Darauf begab sie sich in das Zimmer der alten Großmutter, wo alles noch genauso aussah wie zu deren Lebzeiten. Was sie dort tat, hat bis heute niemand erfahren, aber als der König zwei Stunden später nachsehen ging, fand er das Zimmer leer.

Mariella stand zu der Zeit längst vor der großen Alten, die ein wenig anders aussah als sie es sich vorgestellt hatte. Sie war nämlich eine wirklich uralte vornehme ........Giraffe.

Da wäret ihr wahrscheinlich genauso verblüfft gewesen wie Mariella, die sich zum Glück rasch wieder fasste. Die Giraffe beugte den Kopf zu ihr herunter und sprach : "Guten Tag, Mariella, was ist dein Begehren ?"

Mariella machte eine Reverenz und antwortete : "Ich danke für den Gruß, ehrenwerte große Alte, und erwidere ihn untertänigst." Wenn sie es auch nur weit entfernt wahrnahm , zeigte ihr das Giraffenlächeln doch an, dass sie die richtigen Worte gefunden hatte. Die beiden Frauen tauschten noch eine Weile Höflichkeiten aus, bis Mariella es endlich wagte zum Punkt zu kommen.

"Der König bereut seine Vergehen", sagte sie. "Könntest du noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen ? Die vielen Diener und Mägde, die nun alle ohne Bezahlung da stehen, tragen doch keine Schuld an des Königs Geiz."

"Ein bisschen schon." Die große Alte lachte über Mariellas verständnislosen Blick. "Sie hätten sich schon viel früher wehren sollen. Und da sie das jetzt endlich tun, wollen wir unseren kleinen Tyrannen noch ein wenig aushalten lassen, denn er soll spüren, dass es nicht verkehrt ist, "bitte" zu sagen."

In den nächsten Tagen nun war es nicht sein Hochmut, der den König davon abhielt, er fand ganz einfach keine Gelegenheit dazu. Ich spreche in Rätseln ? Die Lösung ist ganz einfach : er war allein im Schloss, alle seine Diener, Mägde, Minister weigerten sich für ihn zu arbeiten, sie streikten, würden wir das heute benennen.

Schaut ihn euch an, unseren befehlsgewohnten König, wie er am nächsten Morgen zur Klingel greift - er bekommt sein Frühstück nämlich immer ans Bett gebracht - und niemand erscheint um ihn zu bedienen. Er klingelt ein zweites, ein drittes, ein zehntes Mal, zuletzt aber hat er solchen Hunger, dass er in die Küche rennt um sich selber seine Brötchen zu schmieren. Nun ja, frische Brötchen gab es keine, denn der Bäcker bestreikte ihn natürlich auch, aber zwei alte vom Vortag waren immerhin besser als gar nichts. Im ganzen Schloss fand er niemanden, den er beschimpfen und zur Rechenschaft ziehen konnte, so langweilte sich der König entsetzlich. Nur mit sich alleine eine Sitzung abzuhalten, das machte auch keinen großen Spaß. Über sich selber nachdenken mochte er nicht, so blieb ihm erst mal nichts anderes als zu warten, auf Mariellas Rückkehr vor allem, auf die Rückkehr der Dienerschaft und des normalen Lebens. Am ersten Mittag probierte er in ein Gasthaus einzukehren, aber man gab ihm dort nichts zu essen, weil er es nicht bezahlen konnte. So lebte er von Brot und Spiegeleiern in den folgenden Tagen, denn zumindest die Hühner hatten sich nicht dem Streik angeschlossen. Er lief ziellos im Schloss herum und fing in seiner Verzweiflung gar an zu putzen und aufzuräumen. Als er am siebten Morgen erwachte und Mariella vor seinem Bett stehen sah, flüsterte er ängstlich : "Bist du nur ein schöner Traum oder bist du es wirklich ?"

Da trat Mariella auf ihn zu, nahm seine Hand in ihre und lächelte. : "Keine Sorge", sagte sie, "ich bin ganz echt." Der König weinte fast vor Freude. So fiel es Mariella besonders schwer, ihm zu sagen, was ihr die Giraffe aufgetragen hatte :

"Die große Alte ist sehr unzufrieden mit dir. Du bist ein schlechter König, weil du nie an andere denkst, sondern immer nur an dich selbst. Sie will dir jedoch eine Möglichkeit geben, dich zu bessern und ein neues Leben zu beginnen."

"Was muss ich tun ?" fragte der König und seine Stimme zitterte dabei.

Mariella schaute ihn prüfend an : "Ins Nachbarkönigreich ziehen und dich dort am Hof als Schweinehirt verdingen", sagte sie.

"Das meinst du nicht ernst !?" Vor Entsetzen konnte der König nur noch flüstern.

Mariella schluckte : "Was ich meine, darauf kommt es hier nicht an", sagte sie. "Die große Alte hat es so bestimmt. Es ist eine Prüfung, ob du dich deines Königtums würdig erweisen und ein menschlicher König werden kannst."

"Was geschieht wenn ich Nein sage ?"

"Dann wirst du sofort deine Königswürde verlieren, denn wie es dir wohl nicht verborgen geblieben ist, hast du zur Zeit weder Geld noch Macht."

"Und wenn ich Ja sage, wer wird in meiner Abwesenheit die Regierung führen ?"

Ihm Antwort auf diese Frage zu geben machte Mariella mehr als verlegen. "Ich kann nichts dafür", sagte sie, "aber die große Alte hat mir diese Aufgabe zugeteilt."

Lachen hatte sie erwartet, großen Widerspruch und Proteste von allen Seiten, aber niemand im ganzen Reich lehnte sich auf gegen diese Entscheidung, ganz im Gegenteil : die Untertanen begrüßten sie freudig als ihre Königin. Und sie taten gut daran, Mariella stand nämlich unter dem Schutz der großen Alten und hätte jemand gewagt sie anzugreifen, so wäre ihm das übel bekommen : seine Waffen hätten sich gegen ihn selber gerichtet und er wäre in großer Schande ums Leben gekommen.

Mariella regierte streng, aber immer gerecht, und sie war dafür bekannt, dass sie für jede Not ein offenes Ohr hatte. Sie vermittelte, wenn die Kinder aufeinander losgingen, schlichtete Ehestreitigkeiten und regelte gar manchmal den Verkehr. Je länger sie tat, um so lieber gewann Mariella ihre Arbeit, so lieb, dass sie gar manchmal dachte : ‘Ich wäre gar nicht böse, wenn der König bei seinen Schweinen bliebe.’ Was sie selber nur still und heimlich wünschte und sich zu denken sofort wieder verbot, das brachten viele ihrer Untertanen offen zum Ausdruck : "Wir wollen den alten König nicht wiederhaben. Wir wollen Mariella als Königin behalten." Noch sprach Mariella dagegen : "Er ist der rechtmäßige König und ich bin nur seine Stellvertreterin", aber immer stärker spürte sie die Versuchung.

In gleichem Maße wuchsen ihre Gewissensqualen und als dann gar Pläne laut wurden, den König mit Waffengewalt zurückzuschlagen, eilte sie voller Verzweiflung in das Zimmer von des Königs Großmutter und rief nach der großen Alten.

Es verging nur ein Augenblick, da stand die Giraffe auch schon vor ihr. "Du bist nahe daran, ein großes Unrecht zu begehen", warnte sie. "Nur wenn du dich stark genug erweist dem entgegenzustehen, kann diese Geschichte ihr gutes Ende finden."

Mariella schluckte. "Ja", sagte sie, "ich werde auf die Königswürde verzichten. Schließlich kann ich ja auch als einfache Bürgerin den Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen."

Die große Alte lächelte : "So gefällst du mir." und war damit auch schon wieder verschwunden. Am nächsten Tag ritt ein prächtig ausgestatteter Bote in den Schlosshof und ließ sich bei der Königin melden. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer : Noch am selben Abend wird der König eintreffen !

Der Kriegsminister wollte sofort seine Soldaten aufmarschieren lassen, Mariella jedoch hielt ihn zurück : "Wir werden den König nicht angreifen", bestimmte sie, und da sie ja noch Königin war, durfte sich ihr niemand widersetzen. Wahrscheinlich hätten die Soldaten es trotzdem gewagt, für eben diesen Fall aber hatte Mariella schon vorgesorgt. In tiefer Nacht war sie aufgestanden und hatte alle Waffen in der Schatzkammer verborgen.

Je weiter der Tag voranschritt, um so nervöser wurden alle Beteiligten, nicht zuletzt Mariella. Und dann fuhr er ein, ein prächtiger, aber nicht protziger Wagen, mit sechs Schimmeln bespannt, von sechs Reitern begleitet und gelenkt von einem Kutscher, der wie ein Schweinehirt gekleidet war. Das war nur symbolisch gemeint, es war nicht der König selber, der stieg erst vor dem Schloss aus seinem Wagen und trat auf den goldenen Teppich, den Mariella hatte ausrollen lassen zu Ehren seines Empfangs. Mariella hatte bereits die Krone abgenommen und setzte an zu einer tiefen Verbeugung, als sie in der Bewegung stockte und ihr vor Erstaunen der Mund offen stehen blieb.

War das wirklich der König, dieses schmale Hemd, pardon, dieser schlanke Jüngling, der da behände aus dem Wagen sprang ? Hatte man ihn früher heimlich ‘Pudding’ genannt, so verdiente er jetzt den Namen ‘Gerte’. Nebenbei merke ich an, dass ihn böse Zungen bald ‘Gräte’ nannten, aber daraus sprach der pure Neid. Er sah nur in eine Richtung, eilte die Treppen hinauf und umarmte Mariella., die gar keine Worte fand, so erschrocken, verwirrt und durcheinander war sie.

"Mariella", der König löste die Umarmung, trat einen Schritt zurück und sah ihr tief in die Augen, "möchtest du meine Frau werden ?"

Ein Raunen ging durch die Dienerschaft und sogar die Soldaten, die zum Empfang hatten aufmarschieren müssen, hielten den Atem an. Mariella fürchtete nicht recht gehört zu haben. "Meinst du das ernst ?" flüsterte sie. Als Antwort zog der König sie zurück in seine Arme und gab ihr einen Kuss. Eine Sorge aber quälte Mariella doch noch : "Hast du denn keine Angst davor, dass du mich im Traum platt drückst ?"

"Warum sollte ich davor Angst haben ?" lächelte der König. "Ich liebe dich doch."

Da brach ungeheurer Jubel aus am Hofe, in der Stadt und bald im ganzen Reich. Gleich am nächsten Tag wurde die Hochzeit gehalten und unsere beiden regierten noch lange als das schmalste, das großzügigste und das glücklichste Königspaar auf der ganzen Welt. Den Schlüssel zur Schatzkammer fanden sie am nächsten Morgen auf dem Nachttisch und der blieb von nun an ganz allein in Mariellas Obhut.