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Marie Masbaum

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Marie Masbaum

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Der rutenlose Ruprecht

Ganz besonders freute sich Luisa in der Vorweihnachtszeit auf den Nikolausabend und musste heimlich lachen, wenn sie sich an ihre Eltern erinnerte, die, als Nikolaus und Knecht Ruprecht verkleidet, zur Tür hereinstiefelten.

Von daher war es keine Frage gewesen, dass sie mit den eigenen Kindern diese Tradition fortsetzte, und zwar als Knecht Ruprecht, während Jochen, der Vater, den Nikolaus übernehmen musste. Und nun war es wieder so weit : Am Abend des 5. Dezember stiegen Jochen und Luisa in den Keller hinunter, wo die Kostüme das ganze Jahr hindurch auf ihren Einsatz warteten. In wenigen Minuten stand Jochen angekleidet bereit, im roten Mantel, mit Hut, Bart und dickem Buch unter dem Arm, während Luisa nicht aufhörte, in ihren Sachen herumzukramen. "Was ist denn los ?" wunderte er sich. "Die Rute !" Zum wer weiß wievielten Male kehrte Luisa das unterste zuoberst. " Hast du eine Ahnung, wo die Rute hingekommen ist ?" - "Lass mich mal sehen!" Aber auch Jochens Suche blieb erfolglos. " Das gibt’s doch gar nicht !" schnaubte Luisa. " Und wir müssen rauf, die Kinder warten." "Lass uns mal bei den Schröders nachfragen," schlug Jochen vor, "vielleicht spielen die ja heute auch Nikolaus." Ohne viel Hoffnung schellten sie bei den Nachbarn an. "Nein", lachte Frau Schröder, "unsere drei sind ja leider aus der Nikolausalter heraus. Aber ich frage mich", setzte sie hinzu, "worüber Ihre beiden Großen so gewaltig
kicherten, als sie vorhin aus dem Keller herauf kamen." "Ach so !" ging Luisa ein Licht auf. "Na wartet, ihr beiden, Knecht Ruprecht ist mindestens so schlau wie ihr !"

Nur zwei Augenblicke brauchte sie um ihren Mann einzuweihen und nach dem dritten klingelten der Nikolaus und sein Knecht Ruprecht an der Wohnungstür der Familie Mühlwitz. Ein bisschen Geduld mussten sie mitbringen, denn es gehörte zum Ritual, dass die Älteste, Mareike, zuerst durch den Spion linste, während die sechsjährigen Zwillingsbrüder aufgeregt um sie herum sprangen : "Ist er es ? Ist er es ?"

"Ja", antwortete Mareike, "zusammen mit Knecht Ruprecht. Sollen wir sie reinlassen ?" "Natürlich ! Los, mach schon. Der Knecht Ruprecht kann aber ruhig ....." Die Hand auf den Mund gepresst, starrte David der Gestalt im schwarzen Umhang entgegen und verbarg sich rasch hinter dem Rücken seiner Schwester.

"Guten Abend, Kinder !" dröhnte der Nikolaus. "Wart ihr nicht sonst immer zu viert ?"

"Ja, sind wir auch", gab Max Auskunft, "Philipp ist im Wohnzimmer geblieben." Der Elfjährige erklärte gerade Nikolaus und Weihnachtsmann zum Kinderkram, trotzdem wollte er natürlich nicht auf den bunten Teller verzichten. Also sprang er rasch vom Sofa, als der Nikolaus zusammen mit seinen Geschwistern eintrat der Nikolaus die Kinder zum zweiten Mal. begrüßte. Auf sein "Guten Abend, liebe Kinder!" erhielt er ein von den Kleinen begeistertes, von den Großen geleiertes "Guten Abend, lieber Nikolaus !" als Gegengabe. "Seid ihr auch immer brav gewesen ?" Das "Ja !" ertönte vollmundig im Chor. "Vielleicht nicht ganz immer", zögerte Max, ein wenig kleinlaut. " So ?" Oh, wie vermisste Knecht Ruprecht die drohende Rute. "Was hast du denn angestellt ?" "Ich, wir ...." "Oh nein, diese Heulsuse !"stöhnte Philipp auf, während David seinem Zwillingsbruder beisprang : "Wir haben jeder ein Bonbon aus der Dose genommen." Das ‘drei Mal’ hauchte er nur. Knecht Ruprecht runzelte mächtig die Stirn, während Luisa erschrak, denn die Dose oben auf dem Küchenschrank zu erreichen musste für die beiden Kleinen ein Kletterkunststück gewesen sein. "Und ihr", half nun der Nikolaus, indem er sich den großen Geschwistern zuwandte, "ihr wollt mir doch nicht erzählen, dass eure Westen blütenweiß geblieben sind ?" Mit tiefernstem Gesicht - Jochen war der geborene Schauspieler - klappte er sein Buch auf : "Mareike und Philipp, nicht wahr ? Oh, oh, die schwarzen Listen hier nehmen ja gar kein Ende." "Entschuldige, Nikolaus", spielte Mareike mit, den kleinen Brüdern zuliebe, "mein Gedächtnis ist nicht das beste, das fortschreitende Alter, du weißt ja. Vor zwei Wochen habe ich meinen Abtrocknen-Dienst verschlampt, letzten Montag die Mathe-Aufgaben abgeschrieben und gestern mein Zimmer nicht aufgeräumt." Diese Vergehen waren den Eltern bekannt, also blieb es gefahrlos sie zuzugeben. 

Der Nikolaus verglich ihre Bekenntnisse mit den Angaben in seinem Buch und nickte :" ‘Das Zimmer nicht aufgeräumt’ steht hier allerdings zweiundsechzig Mal", merkte er an. "Und du, werter Herr Philipp ? Was hast du mir zu sagen?" Philipp richtete sich auf : 

"Okay", setzte er an, " ich bin vorige Woche zu spät nach Hause gekommen, hab’ mich ein paar Mal geprügelt und vorgestern einen Tadel mit nach Hause gebracht." " So,so", kommentierten Nikolaus und Knecht Ruprecht, "bei solch einer Latte von bösen Taten muss vor dem bunten Teller natürlich die Rutenstrafe stehen." Und der Nikolaus ergänzte : "Da uns nun aber jemand die Rute gestohlen hat, geht ihr in diesem Jahr leer aus." Zunächst einmal herrschte Schweigen, die Kinder waren zu verblüfft. "Wenn euch das nicht gefällt", schloss der Nikolaus an, "so rate ich euch, den Rutendieb zur Rechenschaft zu ziehen."

"Ja, aber ..... wer hat denn die Rute gestohlen ?" David wusste nicht mehr weiter und Max musste dreimal schlucken, bevor er etwas sagen konnte. " So eine Gemeinheit !" stieß er dann hervor. "Wir beiden waren es aber nicht, ganz bestimmt nicht, das schwöre ich !" Worauf die Zwillinge Knecht Ruprecht die gestreckten Zeige- und Mittelfinger entgegenhielten. "Gut", lenkte der ein, "eurem Schwur glaube ich natürlich. Nun, dann müsst ihr eben jetzt Detektiv spielen. Oder Räuber und Gendarm." Dieser Vorschlag ließ Maxens Augen aufleuchten : "Ich bin ein Super - Detektiv !" strahlte er.

Schon an der Tür, drehten sich Nikolaus und Knecht Ruprecht noch einmal um :" Am besten arbeitet ihr zusammen." riet der Nikolaus. "Lasst die Großen ruhig auch mitdenken. Die wollen doch sonst immer so schlau sein." Und Knecht Ruprecht, der schon die Klinke in der Hand hielt, fügte hinzu :

"Wenn ihr den Dieb ausfindig macht, so bestellt ihm, dass er das Corpus delicti... "Die Rute!" klärte Krimi-Spezialist Max seinen Zwillingsbruder auf. "Eben die", bestätigte Knecht Ruprecht, "also, er soll uns die Rute am besten persönlich übergeben, oder, wenn er nicht den Mut dazu hat, sie an die Stelle im Keller zurücklegen, von der sie genommen hat." "An den Tatort !" flüsterte Max seinem Bruder zu und Knecht Ruprecht bestätigte seine Erklärung mit einem Nicken. "Wir beiden werden jetzt ein Gläschen Wein trinken dort in eurem Esszimmer", setzte Nikolaus hinzu, "und wenn bis dahin kein Dieb zu uns gekommen ist, schauen wir in spätestens einer Viertelstunde im Keller nach."

Tür auf, Tür zu, Nikolaus und Knecht Ruprecht waren verschwunden, und einen Atemzug später auch Mareike und Philipp, schneller als die Zwillinge das überhaupt mitbekommen hatten. "Boh, die drücken sich wieder!" sagte Max, "aber das ist auch egal, weil die sowieso viel zu doof sind für Detektive." "Müssen wir jetzt Spuren suchen ?" fragte David. "Dann bin ich der Hund !"Und er fing gleich an, auf dem Fußboden herumzuschnüffeln. "Doch nicht hier!" Wie gut, dass Max ein Krimi-Kenner war. "Die Rute war doch im Keller, also ist da der Tatort, also muss da die Spur anfangen." David schaute seinen Bruder bewundernd an :

"Du bist ja echt ein schlauer Detektiv", sagte er. Max bekam ganz rote Ohren vor Stolz. "Los, Hasso", rief er. "Wir gehen in den Keller." Nur gut, dass Luisa nicht sehen konnte, wie ihr Jüngster auf den Knien über den Hausflur rutschte und dann gar, Kopf voran, die Kellertreppe hinunterkrabbelte.

Auf halbem Wege kamen den beiden Kleinen ihre großen Geschwister entgegen. "Das ist gemein !" Diesmal war Max den Tränen nahe. "David ist der Hund ! Ihr dürft keine Spur suchen !" 

"So ein Quatsch !" fuhr ihn Philipp grob an. "Wir brauchen keinen Hund. Der Dieb hat die Rute zurückgebracht." "Und jetzt kommt lieber rasch mit rauf," setzte Mareike hinzu, " sonst meinen Papa - äh, Nikolaus und Knecht Ruprecht noch, dass ihr die Diebe seid." In diese Gefahr wollten sich David und Max natürlich nicht begeben. Trotzdem waren sie furchtbar enttäuscht. "So ein blöder Dieb ! Wir spüren den aber noch auf, bestimmt", sagte Max und David bellte zustimmend.

Zurück in die Wohnung gelangt, stürzte er sofort ins Esszimmer : "Philipp und Mareike sagen, die Rute ist wieder da. Kriegen wir jetzt unsere Nikolausteller ?" 

Feierlich erhoben sich daraufhin der Nikolaus und Knecht Ruprecht : "Na, dann wollen wir mal sehen !"

Sie stiegen in den Keller hinunter und wenig später holte der Nikolaus aus seinem prallgefüllten Sack die vier bunten Teller hervor, die mit Obst, Nüssen und süßen Sachen gefüllt waren. Mag sein, dass auf denen von Mareike und Philipp ein bisschen weniger Schokolade lag, aber die beiden hüteten sich wohl, sich zu beschweren. Übrigens hat Knecht Ruprecht in der ganzen Aufregung gar nicht mehr daran gedacht, mit seiner Rute zu drohen. Ansonsten hätte es diesmal vielleicht ein paar echte Hiebe gesetzt.

(C) 1998 by Marie Masbaum