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Marie Masbaum

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Marie Masbaum

Spinnereien


 
Es war einmal eine ganz kleine Spinne. Das scheint recht normal zu sein, also kein großes Problem, auf den ersten Blick, auf den zweiten allerdings schon : wenn ich euch nämlich sage, dass sie eigentlich riesengroß hätte sein müssen, wird es sogar zum Riesenproblem. Sie gehörte nämlich zu den Riesen-Klein-Spinnen, einer ganz besonderen und äußerst seltenen Art, die es nur im Spinnenreich gibt. Bei der die Kinder schrumpfen anstatt wie bei uns Menschen zu wachsen. Will  sagen, eine kleine Mutter bringt ein riesiges Kind auf die Welt, das dann, je mehr Jahre es zählt, umso kleiner wird. Für uns klingt das seltsam, aber für die Riesen-Klein-Spinnen ist das Schrumpfen genauso normal wie für uns das Wachsen. Nicht normal aber war, dass Urscha, als sie auf die Welt kam, gar noch kleiner war als ihre Mutter, die ja schon ausgeschrumpft war, und dann, ganz entgegen ihrer Bestimmung, zu wachsen begann. Das war nicht nur unnormal, das war unerhört und unverschämt, so etwas durfte sich ein Spinnenkind nicht herausnehmen. Wenn auch vieles im Spinnenreich ganz anders, gar umgekehrt ist als bei den Menschen, so haben sie sich ausgerechnet zwei weniger schöne Eigenschaften von uns abgeguckt : einmal lieben sie es zu tratschen und dabei so richtig über andere herzuziehen, und zum anderen betrachten sie das Andere, das für sie nicht Normale immer als feindlich. Ganz davon ab hatte die kleine Urscha sowieso schon Schwierigkeiten genug Freunde zu finden – überlegt mal : die Kinder in ihrem Alter waren ja alle viel größer und die Spinnen in ihrer Größe fast schon erwachsen.

Eine gute Freundin hatte Urscha trotz allem, eine riesengroße Freundin, die in einem ähnlichen Dilemma steckte. Jetzt schaut ihr verwundert, nicht wahr, aber nur, weil ihr noch nicht wisst, dass Riselda eben keine Riesen-Klein-Spinne, sondern eine Klein-Riesen-Spinne war. Sie hätte also klein auf die Welt kommen müssen, um dann zu wachsen, ähnlich wie bei den Menschen; nicht genauso, denn solche Extreme gibt es bei uns nicht. Oder habt ihr schon mal ein nussgroßes Baby gesehen, das dann zu einem fünf Meter großen Hünen heranwächst ?

Aus dieser Perspektive betrachtet – so ihr euch denn hineinfühlen könnt -- ist es schon verständlich, dass die Klein-Riesen-Spinnen kaum Kontakte hatten – mit wem hätten sie sich aus solcher Höhe herab denn auch unterhalten können ? Die eigenen Winzlings-Kinder waren zum Glück mit ihren vielen kleinen Beinen so flink und behände, dass sie in Windeseile den Vater- oder Mutterkörper hinauf- und hinunterflitzten.

Riselda nun wurde statt als wachsender Winzling als schrumpfender Riese geboren, was, genauso wie bei Urscha, den Anlass für Spott und übelste Verleumdungen gab. Die beiden Frauen hätten die Männer getauscht, munkelten böse Zungen, was im Spinnenreich eines der schlimmsten Vergehen ausmacht. Natürlich versuchten die beiden Mütter sich zu verteidigen, aber das blieb vergeblich, schließlich sprachen die Tatsachen gegen sie : Zumindest von der äußeren Erscheinung her war Urscha eine Klein-Riesen-Spinne und Riselda eine Riesen-Klein-Spinne.

Um die Wachs-Schrumpf-Geschichten damit zum Ende zu bringen : Riselda schrumpfte genauso wie Urscha wuchs, und so waren sie zu der Zeit, von der ich erzähle, annähernd gleich groß. Urschas Mutter passte sich bald den Babys der Klein-Riesen-Spinnen an : hatte sie Lust auf einen Plausch mit Riseldas Mutter, so kletterte sie hinauf, und wenn sich alle viere unterhalten wollten, blieb sie halt auf der Mitte. So wurden die vier ein eingeschworenes Team, was ihnen auf der einen Seite gut tat, ihnen auf der anderen aber noch mehr Feinde machte. Die wildesten Gerüchte gingen über sie in Umlauf, zuletzt sollten sie gar eine Verschwörung planen.

Wie oft hatten sie schon versucht, an Vernunft und Herz ihrer Mit-Spinnen zu appellieren : unsere Kinder sind doch nicht schlechter, nur weil sie ein bisschen anders aussehen ! – es nutzte nichts, all ihr Reden war und blieb sinnlos. Zuletzt waren sie so verzweifelt, dass sie zur äußersten Möglichkeit griffen und die Große Weisheitspinne aufsuchten -- nur in der allergrößten Not durfte eine Spinne das wagen.

Mit einem Wundermittel konnte – oder wollte – die Große Weisheitspinne aber nicht dienen : „Ich kann demjenigen, der bei mir Rat sucht, helfen sich zu ändern“, sagte sie, „ was ich nicht vermag, ist, auf die Haltung eurer Feinde Einfluss zu nehmen. Das könnt nur ihr selber tun und dazu braucht ihr sehr sehr viel Mut und Überzeugungskraft. Die zu gewinnen, dabei will ich euch helfen, und um bessere Voraussetzungen dafür zu schaffen, rate ich euch, für eine Weile eure Heimat zu verlassen.“

Riseldas Mutter seufzte :“Ja“, sagte sie, „daran hatten wir auch schon gedacht und im Geheimen darauf gehofft, du könntest uns dieses äußerste Mittel ersparen. Aber gut, mit der Aussicht darauf, irgendwann zurückzukehren, wird die Flucht schon um Einiges leichter.“

Und schon in der selben Nacht traten sie ihre Flucht an : Brachen auf mit dem Einbruch der Dunkelheit – zum Glück legen sich im Spinnenreich alle Spinnen : Eltern wie Kinder, Gauner wie Polizisten, Schlagerstars wie Großmütter gleichzeitig schlafen, und so bemerkte sie niemand. Die ganze Nacht hindurch eilten sie fort, bis sie über die Grenze des Spinnenreiches hinaus gelangt waren. In der „normalen“ Menschenwelt, lebten sie, was die äußere Bedrohung angeht, weit gefährlicher als im Spinnenreich, wo es ja nur Spinnen gibt und keine Auffressfeinde wie bei uns. Und das war gut so, denn weil sie nun ständig auf der Hut sein und sich immer neue Schutzmanöver ausdenken mussten, wurden sie jeden Tag schlauer und gewitzter, im Team gar unschlagbar. Was natürlich auch ihr Selbstbewusstsein stärkte. In einem Rundumschlag zusammengefasst : ihr Leben wurde endlich wieder lebenswert.

Und doch – ihr kennt das von der Goldmarie in der ‚Frau Holle’ --  begann sie nach einiger Zeit das Heimweh zu quälen : „Zumindest einen Besuch wollen wir machen !“, diesen Wunsch hatten sie alle, und so gaben die Mütter gerne dem Drängen ihrer Kinder nach.

Also traten sie am nächsten Morgen die Rückreise an, die lange Reise zurück ins Spinnenreich. Wie lang sie tatsächlich war, das hatten sie bei ihrer Eilflucht gar nicht bemerkt, da waren sie nur weiter und immer weiter gelaufen. Trotzdem : auch wenn sie langsamer gingen, hätten sie inzwischen ankommen müssen, und allmählich begannen sie daran zu zweifeln, dass sie den Eingang zum Spinnenreich je wiederfinden würden. Es war nämlich durchaus möglich, dass sie schon dort vorbeigekommen waren, ohne ihn zu bemerken. „Wieso das ?“ fragt ihr mich jetzt nur, weil ich nicht wisst, dass der Eingang nur für Spinnen sichtbar ist, alle Nicht-Spinnen werden unmerklich gedreht : ihr meint, weiter geradeaus und vorwärts zu gehen, biegt aber stattdessen nach rechts oder links ab oder kehrt gar um. Das klingt unheimlich, nicht wahr, aber man bemerkt es ja zum Glück nicht.

Sogar Spinnen können in dieser Weise zurückgewiesen werden, nämlich dann, wenn sie sich – so steht es im Spinnengesetz – ‚kapitaler Verbrechen, des Mordes etwa oder des Hochverrats, schuldig gemacht’ haben.

Hatten sie das ? Gemordet hatten sie in gewisser Weise schon, denn in ihrer neuen Heimat waren sie zu Fleischfressern geworden, hatten das Spinnennetz erfunden und darin eine Vielzahl von Insekten gefangen und verspeist.

„Bei den Menschen heißt es nur dann Mord, wenn sie einen von ihresgleichen umbringen“, überlegte Urlas Mutter, andere Tiere dagegen dürfen sie aufessen. Von daher ......“

„....dürfen wir nur keine Spinnen töten“, unterbrach Riselda, „das ist sowieso klar, weil es ja im Spinnenreich gar keine anderen Tiere gibt.“

„Gut, und was ist dieses andere Ding, der ‚Hochverrat’?“ wollte Urla wissen. Sie war in der Menschenwelt nicht weiter gewachsen und Riselda nicht weiter geschrumpft, und darüber waren ihre Mütter sehr froh. Jetzt aber seufzten sie :“Hochverrat ist einer von den ganz besonders dehnbaren Begriffen“, erklärten sie. „Jeder Herrscher versteht darunter das, was ihm nicht passt und belegt es mit hohen Strafen.“ Und Riselda ergänzte :“Ein ‚Verbrechen, das die Sicherheit eines Staates gefährdet.’ Ich habe gestern im Lexikon nachgeschlagen. Das sagt wirklich alles und nichts. Wenn sie unbedingt wollen, können sie uns natürlich unter diese Paragraphen einordnen.“ „Und deswegen können wir im Moment nichts anderes tun, als weiterzugehen und abzuwarten.“ Ein leises Drängen schwang mit in der Stimme von Urlas Mutter. „Kommt bitte weiter, es wird bald dunkel. Vielleicht täuscht mich meine Wahrnehmung, aber ich meine zu spüren, dass wir bald am Ziel sind.“

Ihre Wahrnehmung täuschte sie nicht, denn wenig später tauchte die nur für Spinnen sichtbare Grenze vor ihnen auf, und dass sie sie gesehen hatten, hieß gleichzeitig, dass sie eintreten durften. Sie waren im Spinnenreich, sie waren wieder zu Hause !

Zu Hause ? Fühlte man sich so beklommen, wenn man ‚nach Hause’ kam ? Immerhin war es völlig ungewiss, ob ihre Mit-Spinnen sie aufnehmen würden.

„Wir sollten uns auf jeden Fall auf eine rasche Flucht einstellen“, warnte Riseldas Mutter. „Wenn die nötig werden sollte, klettert Urscha auf deinen Rücken, Riselda, und ihre Mutter auf meinen. Den Sturmschritt haben wir ja lange geübt.“

Gut, Zeit zum Verschnaufen fanden sie auf jeden Fall, denn sie betraten die Spinnenheimat in der ersten Nachthälfte. In der alle anderen Spinnen fest schliefen. Nein, eine nicht, und die stand plötzlich hinter ihnen : „Große Weisheitsspinne, wie schön !“ begrüßte sie Riselda, die sie als erste bemerkt hatte, und die anderen stimmten freudig ein.

„Ihr seid also hergekommen“, stellte die Große Weisheitsspinne fest. „Das ist sehr mutig von euch.“ Ihre Worte klangen nicht gerade verheißungsvoll.

„Hier sind schlimme Dinge geschehen“, fuhr sie fort, „ und wenn ihr lieber gleich umkehrt, so kann ich das gut verstehen. Andererseits seid ihr die Einzigen, die eure Mitspinnen noch retten können.“

„Schön und gut – oder schlecht“, Riselda hatte sich als Erste wieder gefasst, „dazu musst du uns aber erst sagen, was hier passiert ist.“

„Ja, natürlich“, entschuldigte sich die Große Weisheitsspinne. „Wisst ihr, es quält mich so sehr, dass ich nicht eingreifen kann, denn es bittet mich ja niemand um Hilfe. Aber jetzt will ich erst mal erzählen : Also, genau so, wie es immer wieder in den Menschenreichen passiert, gut möglich, dass er Kontakte dahin pflegt, hat sich ein Spinnerich hier zum Tyrannen erhoben. Unser Königspaar hat er nicht nur abgesetzt, sondern gleich umgebracht, und das selbe macht er mit allen Spinnen, die ihm widersprechen. Seitdem dürfen alle nur noch das tun, was er anordnet/befiehlt, und wer es wagt, eine eigene Meinung zu haben, der tut gut daran, sie für sich zu behalten, denn ansonsten wäre sie sein Todesurteil.“

Die vier Freundinnen waren starr vor Schrecken.

„Das alles ist schlimm genug,“ fuhr die Große Weisheitsspinne fort, „und man sollte meinen, nicht wahr, dass die unterdrückten Spinnen alles daran setzten, ihre Freiheit wieder zu erlangen. Aber ganz im Gegenteil, und das ist das noch Schlimmere, haben sie sich so schnell daran gewöhnt, dass sie es inzwischen ganz normal finden, wenn nicht gar ganz toll, nicht mehr selber zu denken.“

„Das ist ja entsetzlich !“ Urlas Mutter klang sehr verzagt. „Kommt man denn da überhaupt noch an sie heran ?“

„Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen“, zögerte die Große Weisheitsspinne. „Auf jeden Fall lässt jeder Aufschub die Aussichten schrumpfen. Und trotzdem müsstet ihr ganz behutsam vorgehen : verschüttete Gehirne kann man nicht herausreißen, sondern nur vorsichtig ausgraben.“

„Noch dazu darf ja der Tyrann nichts merken“, ergänzte Riselda. „Denn ganz ehrlich : mich als Märtyrer aufopfern möchte ich nicht.“

Nein, Helden waren sie alle nicht, unsere vier groß-kleinen Spinnen, dafür aber tapfer und mutig. Die Große Weisheitsspinne war inzwischen verschwunden, und das hieß: sie hatte ihnen die Aufgabe übergeben. In dieser Nacht schliefen sie keine einzige Stunde, keine einzige Minute, stattdessen hockten sie zusammen und erstellten einen Plan. Und dann machten sie sich in wochen-langer verdeckter Arbeit und mit großem Feingefühl daran, ihren Mitspinnen die Augen zu öffnen, bis sie alle zusammen endlich den Aufstand wagten und den Tyrannen aus dem Spinnenreiche verjagten. Für immer, da könnt ihr sicher sein, denn so einen Hochverräter ließ die unsichtbare Grenze nie wieder hinein.

Weil Riselda sich vor allen als die Tapferste ausgewiesen hatte, wurde sie einstimmig zur Königin gewählt. Zuerst wollte sie ablehnen, bis sie dann merkte, dass sie mit ihrem Demokratie-Verständnis um Jahrhunderte zu früh dran war : zum Märchen gehören schließlich ein König oder eine Königin, am besten beide, deswegen suchte sich Riselda auch bald einen schönen Spinnerich zum Manne aus.

Bevor sie aber die Krone aufsetzte, gab sie sich mit ihrer Familie zu erkennen : „Wir sind die“, sagte sie, „die ihr damals gehänselt, verachtet und ausgestoßen habt, weil wir nicht eurer Norm entsprachen.“ Da gab es ein großes Entschuldigungs-, Krönungs-, Hochzeits- und Jubelfest, und dass unter Riseldas Regierung niemand mehr ausgestoßen wurde, brauche ich wohl nicht extra zu betonen.