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Marie Masbaum

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Marie Masbaum

Stummelchen oder Das Bleistiftpensionat

Als Tommy an diesem Tag – es war ein Mittwoch, daran erinnerte er sich genau: der Mittwoch war Mamas freier Tag, da gab es immer sein Lieblingsessen und einen tollen Nachtisch, und hinterher hatte Mama Zeit zum Reden, Lachen, Spielen – also, als Tommy an diesem Mittwoch so gegen drei Uhr zum Hausaufgaben-Machen nach oben ging und ihn nur noch wenige Schritte von seinem Ziel trennten, stockte er plötzlich : da kamen Stimmen aus seinem Zimmer ! Es musste jemand.... - aber wer konnte in seinem Zimmer sein ? Er hörte sogar zwei Jemande, die sich stritten, aber das war ganz unmöglich, denn hier wohnten doch nur er und Mama und Papa : Mama war unten in der Küche, Papa auf der Arbeit und er selber stand unschlüssig vor seiner Zimmertür.

 „Mama“, rief er vorsichtshalber in die Küche hinunter, „haben wir Besuch ?“

„Wie kommst du denn darauf, mein Junge ?“ wunderte sich die Mutter. „Das hätte ich dir doch gesagt. Was findest du denn nicht ?“

„Ist alles in Ordnung, Mama.“

Er legte ein Ohr an die Tür um genauer zu horchen. Die streitenden Stimmen waren ihm ganz unbekannt. Ob irgendwelche Mond-, Mars- oder Sternbewohner bei ihm abgestiegen waren?

Vorsichtig drückte er die Klinke herunter, schob die Tür zunächst nur einen Spalt weit auf, und als er merkte, dass sich die Streithähne gar nicht stören ließen, schob er sich leise weiter in sein Zimmer hinein.

Sehen konnte er immer noch niemanden, dafür aber hören, dass der Lärm von seinem Schreibtisch ausging. Also tappte er noch ein bisschen näher heran, bis sich ihm das folgende Schauspiel bot :


Keine grünen Marsmännchen tanzten da auf seinem Schreibtisch, nein, kein Fremder war in sein Zimmer eingedrungen, wer sich da anschnauzte, waren das große neue Radiergummi, das er erst am Vortag erstanden hatte, und sein kleiner fast abgeschriebener Bleistift, den er liebevoll ‚Stummelchen’ nannte.

„Was du dir einbildest, du elender, mickeriger Wicht !“tönte das Radiergummi gerade. „Ich bin tausend Mal mächtiger als du. Alles was du schreibst, kann ich sofort wieder ausradieren.“

„Aber dafür muss ich auch erst etwas schreiben. Du bist also absolut von mir abhängig !“ trumpfte der Bleistift auf.

Tommy staunte : eine solche Schlagfertigkeit hätte er dem kleinen Kerl gar nicht zugetraut.

Aber nun holte das Radiergummi zum vernichtenden Schlag aus :

„Das ist ja lächerlich. Von dir ist ja kaum noch was übrig. Noch allerhöchstens ein Bild und dann bist du reif für den Papierkorb.“

Darauf sagte Stummelchen nichts mehr. Wahrscheinlich war es froh, dass Bleistifte nicht weinen können, danach war ihm jetzt nämlich mächtig und dann hätte das Radiergummi sicher noch mehr gespottet. Vor dem schäbigen Ende im Papierkorb hatte Stummelchen große Angst. Können einem ja wirklich leid tun, die Bleistifte, nicht wahr ? Sie kommen groß auf die Welt – meist zu ganz vielen in einer Fabrik - , um dann mit zunehmendem Alter immer kleiner zu werden. Wobei das Bleistiftalter nicht in Jahren gerechnet wird, sondern danach, wie oft sie gebraucht werden.

Seinen Lebensjahren nach war Stummelchen noch ein Baby, und gleichzeitig schon fast zum Greise heruntergeschrieben. Sein Besitzer, Tommy also, war nämlich ein Bleistiftfanatiker. „Der frisst die Bleistifte“, sagte seine Mutter, aber das war ganz sicher nicht wahr, auch wenn er ab und an auf einem kaute. Nein, nein, eigentlich gebrauchte er sie ganz normal, zum Schreiben und Malen halt, nur ein bisschen mehr als andere Bleistiftbenutzer.

Nämlich so : Für alles, was er schrieb oder malte, nahm er zuerst den Bleistift. Seine Bilder malte er dann aus und die Hausaufgaben zog er mit dem Füller nach. Das gab einen Schatteneffekt, der Tommy sehr gut gefiel, der Lehrerin weniger, aber weil Tommy seine Arbeiten immer gründlich und ordentlich machte, ließ sie ihn gewähren. Ansteckungsgefahr bestand keine : die anderen bewunderten zwar Tommys Machwerke, aber eine solche Arbeit – Vorschreiben und Nachmalen ! - wollte kein zweiter auf sich nehmen.

Aber zurück zum Ausgangspunkt : Tommy kamen fast die Tränen, als er sein Stummelchen traurig verstummt sah. Gerade diesen Bleistift hatte er nämlich lieb gewonnen. In der Regel achtete er beim Bleistiftkauf nicht so sehr auf das Äußere, kaufte eher das Dreierpack im Sonderangebot, Stummelchen aber – der damals natürlich noch nicht Stummelchen hieß, denn er war ja noch groß – hatte er nicht widerstehen können, weil er ihm so gut gefiel : bunte Spiralen umzogen den Bleistiftkörper, und wenn Tommy ihn ganz schnell drehte, flitzten drei Schlangen von oben nach unten.

Eigentlich wollte er ihn als Schmuckbleistift auf seinem Schreibtisch liegen lassen, aber als er dann knapp bei Kasse war, hatte er ihn doch gebraucht, wie alle anderen, und wie alle anderen verbraucht.

Aber halt, nein, ganz aufgebraucht ist Stummelchen ja noch nicht : ein halber Schlangenkopf samt Zunge ist noch da. Das Radiergummi hatte sogar untertrieben : ein Bild und eine Hausaufgabe saßen bestimmt noch dran. Pragmatisch gesagt : bis zum völligen Wegwerfzustand konnte man ihn noch zwei, vielleicht sogar drei Mal anspitzen.

Hätte können, dürfen wir sagen, denn diesen Weg aller Bleistifte musste Stummelchen nicht gehen. Tommy beschloss nämlich, ihm das schlimme Wegwerf-Schicksal zu ersparen. Und nicht nur ihm, von nun an landete kein Bleistiftstummel mehr im Papierkorb, alle durften umziehen in das Seniorenheim Zigarrenkiste. Die hatte Tommy bei seinem Opa abgestaubt und Mama hatte gestöhnt, aber was für ein Glück, nicht wahr ? Wobei Stummelchen der Einzige blieb, der nicht bis zum Ende ausgeschrieben war, und damit genoss er doppeltes Ansehen : von seinen inzwischen schon Lebensjahren her war er der Älteste, der Körperlänge nach aber der Jüngste. Und so es Tommys Bleistiftpensionat noch gibt, ist er das bis heute geblieben.