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Marie Masbaum

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Marie Masbaum

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Wie Wunder geschehen 

Ein liebevolles Koboldmärchen

Es war einmal eine Koboldfamilie, die lebte schon zehn Jahre lang glücklich in ihrer Höhle zusammen und in jedem Jahr brachte die Koboldmutter ein neues Kind zur Welt.

Zehn Jahre, zehn Kinder, das ist leicht zu rechnen, und nun wuchs gerade das elfte in Mutter Kobolds Bauch heran. So weit, so gut, das Aller wichtigste aber, die Voraussetzung für unsere Geschichte wisst ihr noch nicht, nämlich dass in einer Koboldhöhle nur zwölf Kobolde Platz haben, und daher bestimmt ein ehernes Gesetz, dass, gleich wenn das elfte Kind unterwegs ist, das erstgeborene sich mit dem Gedanken vertraut machen muss, bald auszuziehen um seinen eigenen Höhlenstand zu gründen. Und nicht nur mit dem Gedanken, nein, jeden Tag wird es nun von Vater Kobold hinausgejagt, um auf Braut- oder Bräutigamschau zu gehen. Denn hinter dem "es" verbergen sich natürlich entweder ein Jungen- oder ein Mädchenkobold, die ihre Gegenstücke suchen.

Nun müsst ihr weiterhin wissen, dass Höhlenkobolde die Menschenluft außerhalb ihrer Höhle nicht gut vertragen, keine ‘frische Luft’ ist das für sie, sondern eine im wahrsten Sinne des Wortes ‘Atem-beraubende’ und gar zauberträchtige. Schlimme Dinge erzählt man sich von Kobolden, die zu lange draußen geblieben sind : einem seien die Ohren abgefallen, ein anderer habe in allen Farben schillernde Haare bekommen, ein dritter sei gar davongeflogen. Ob das nun alles stimmte, konnte niemand nachprüfen, unser Koboldvater aber wollte kein Risiko eingehen und deswegen schärfte er dem ältesten Sohn ein, sich streng an die Regeln zu halten : am ersten Tag durfte er eine Minute draußen bleiben, am zweiten Tag zwei, am dritten Tag drei und so jeden Tag für eine Minute länger. Das war eine sehr knapp bemessene Zeit um eine Braut oder einen Bräutigam zu finden, zumal es in dieser Gegend nicht viele Höhlenkobolde gab und niemand wusste, wann die anderen Familien ihre Söhne und Töchter ausschickten. Also fing man früh an : sobald die Koboldmutter zum dreizehnten Mal schwanger war, musste das älteste Koboldkind mit der Suche beginnen. Die meisten Ältesten fürchteten sich vor diesem Schritt und hätten Einiges dafür gegeben wieder klein sein zu dürfen.

Arti jedoch war von einem anderen Schlag. Ihn brauchte niemand hinauszujagen, er wartete schon seit langem sehnsüchtig und voller Spannung auf den bestimmten Tag. Der nun endlich gekommen war.

"Nicht länger als eine Minute, denk daran!" - Arti konnte es nicht mehr hören. "Hast du deine Uhr ?" Natürlich hatte er seine Uhr, seine Höhlenkobolduhr, genauer gesagt. Um sich das lästige Minuten-Zählen zu ersparen, hat ein schlauer Höhlenkobold nämlich eine Uhr erfunden, die 365 Minuten anzeigt.

Nun gut, Arti brachte seinen ersten, seinen zweiten und seinen dritten Tag hinter sich, gelangte auf eine Wiese zwischen Bergen und erblickte nicht allzu weit entfernt einen Wald. Am siebenten Tage kletterte er zum ersten Mal auf einen Baum und am zehnten saß er im Gipfel. Von dort oben konnte er natürlich viel weiter sehen - da war doch was, da bewegte sich doch etwas....... Er kniff die Augen zusammen : ja, ganz bestimmt, wenn auch undeutlich, so nahm er doch eine Gestalt wahr, so klein und so weit weg, dass er nicht auszumachen vermochte, was es, er oder sie genau war : ein Tier, ein Kobold oder gar ein Mensch ?

Vielleicht wisst ihr ja schon, dass Höhlenkobolde sich so sehr gar nicht von Menschen unterscheiden : wie wir haben sie einen Kopf und einen Bauch, zwei Arme und zwei Beine und Haare auf dem Kopf, ziemlich lockig und ziemlich lang, aber es gibt ja auch Menschen, die ihres so tragen, genauso wie andere eine dicke Knubbelnase haben. Und vielleicht wird es auch bei uns einmal Mode, in Felle gekleidet herumzulaufen. Kein Mensch aber hat einen Schwanz, es sei denn zu Karneval einen angeklebten, und kein Mensch hat so große Ohren, dass er sich im Winter damit zudecken kann. Wenn sie nicht gerade schlafen, tragen die Höhlenkobolde sie für gewöhnlich am Kopf zusammengerollt, was schon, gelinde gesagt, ein wenig seltsam aussieht.

Aber zurück : unser Arti saß also im Baum, starrte, starrte und starrte und ganz allmählich konnte er ein wenig mehr erkennen : ein Tier konnte es nicht sein, denn es stand auf zwei Beinen und hatte keine Flügel. Die Farben verwirrten ihn : etwas Rotes sah er aufleuchten und etwas Blaues, und oben am Kopf die Haare schimmerten so hell, dass man sie kaum sehen konnte.

Ein Höhlenkobold konnte sie damit schon nicht sein, denn die hatten alle eine braune Haut wie Negerkinder, nein, nicht ganz so dunkel, eher wie Bären, ja, haargenau wie Braunbären, nur dass sie eben kein Fell haben. Also war sie ein Menschenkobold ? Plötzlich durchfuhr ihn ein Schreck : er wusste ja nicht einmal....."Oh bitte, bitte, lass sie eine Frau sein !" flüsterte er. Ob sie ihn auch gesehen hatte ? Mächtig schwang Arti seine Arme, so lange, bis er plötzlich seinen Namen rufen hörte. Er blickte sich um und sah seinen Vater, der, schon ein Stück weit von der Koboldhöhle entfernt, aufgeregt nach ihm suchte.

"Hier bin ich, Vater !" rief Arti und kletterte rasch vom Baum herunter.

"Bist du von allen Koboldgeistern verlassen ?" herrschte ihn der Vater an. "Jetzt komm sofort nach Hause, du bist schon viel zu lange draußen." Auf seine Uhr zu schauen, daran hatte Arti überhaupt nicht mehr gedacht.

In der Höhle erwartete sie aufgeregt die Mutter. "Bist du heil und ganz, mein Junge ?" fragte sie. "Aber ja", beruhigte sie Arti, "und ich habe große Neuigkeiten."

Sofort scharrten sich alle um ihn, Mutter und Vater, Brüder und Schwestern. "Leg los !" drängte der Vater.

"Also, ich habe ein Mädchen gesehen, ziemlich weit weg. Da habe ich ganz heftig gewinkt und dann bist du gekommen, Papa."

"Wie weit war sie denn weg ?" fragte der Vater.

"Hat sie dich auch gesehen ?" fragte die Mutter.

"Ich weiß es nicht", antwortete Arti auf beide Fragen, "Aber ich schätze, es werden ungefähr 2000 Schritte gewesen sein."

Ich glaube, an dieser Stelle muss ich einfügen, dass Höhlenkobolde im Entfernungen-Einschätzen einfach einsame Spitze sind, genauso wie im Kopfrechnen. Zu schade, dass ihr nicht dabei gewesen seid, aber vielleicht könnt ihr euch vorstellen, wie es nun in Vater Kobolds Kopf anfing zu rattern : "Wie viele Schritte schaffst du in der Minute ?" fragte er. "Wenn es drauf ankommt 120," verkündete Arti kühn. "Gut, aber das kannst du nicht über längere Zeit durchhalten, sagen wir hundert. 365 mal 100 durch 2, denn du musst ja auch wieder zurück, mindestens fünf Minuten zum Bekannt-Machen und für die Werbung, also minus 500, das macht dann 1325, es reicht also nicht." stellte der Vater enttäuscht fest.

"Immer mit der Ruhe !" unterbrach ihn die Mutter. "Schließlich hat das Mädchen auch Beine, oder?" "Ach ja, natürlich." Der Vater atmete erleichtert auf. "Dann müsste es reichen, selbst wenn sie nur halb so schnell vorwärts kommt wie Arti."

Habt ihr mitgerechnet ? Arti jedenfalls kam zu dem selben Ergebnis. "Darf ich mich gleich wieder auf den Weg machen ?!" drängte er nun, dabei wusste er doch genau, dass der Vater niemals solcherart Extravaganzen zulassen würde. "Erst morgen wieder," bestimmte er, "und bis dahin legen wir uns alle jetzt ein bisschen in die Ohren. Das heißt eine Sache müssen wir vorher noch klären."

Arti sah ihn an und sackte ein wenig zusammen. "Ja", sagte er, "ich weiß schon, was du meinst. Ich bin ja gar nicht sicher, dass sie mich auch gesehen hat." "Vorsichtig ausgedrückt. Du bist so gut wie sicher, dass sie dich nicht gesehen hat !" brachte der Vater die Sache auf den Punkt. Und eben deswegen muss sie dich morgen sehen", - wie aber stellte der Vater sich das vor ? - "und das kann sie nicht, wenn du braun in braun im Baum hockst. Deshalb lasst uns jetzt gemeinsam überlegen - dabei schaute er sich in der Familien-Runde um wie und wo wir etwas Farbiges für unseren Großen auftreiben können."

Die kleinen Geschwister strahlten stolz, weil der Vater auch sie zum Mitmachen aufrief, und alle dachten nun gewaltig nach. Da hättet ihr mächtig lachen müssen, wenn ihr zugesehen hättet, denn wenn ein Höhlenkobold nachdenkt, so öffnen sich seine Ohren, will sagen, sie rollen auseinander, umso mehr, je mehr er seine Hirnfunktionen anstrengt. So wurde es schon bald mächtig eng in der Koboldhöhle, denn wie ich euch schon sagte, alle dachten gewaltig nach. Und weil das Ohren-Ausbreiten ja eigentlich das Zeichen fürs Schlafen Gehen ist, wurden die Kleinsten auch bald müde und schliefen ein.

"Wie wäre es mit einem hellen Stein ?" schlug nun die Mutter vor. "Damit könntest du ihr ein Zeichen geben."

"Ich glaube nicht, dass das Mädchen einen Stein sehen könnte auf eine solche Entfernung hin" schränkte der Vater ein. "Etwas richtig Farbenprächtiges bräuchten wir. Ein Stück roter oder blauer oder gelber Stoff wäre ideal."

Die noch wachen Kobolde schauten sich ratlos an : Wie sollten Höhlenkobolde an Stoff herankommen ?

"Wir müssten einen unterirdischen Gang zu den Menschen graben." überlegte Zindy, die im folgenden Jahr auf Bräutigamschau gehen würde.

"Eine sehr gute Idee !" lobte Vater Kobold. "Aber leider nicht zu verwirklichen. Denn hier bei uns auf dem Berg wohnen weit und breit keine Menschen."

Betretenes Schweigen machte sich breit. Bis sich die Mutter räusperte. "Also", setzte sie an, wurde aber sogleich vom Vater unterbrochen :

"Ich weiß ja, ich weiß ja", sagte er, es war nicht recht von mir damals, dass ich dir noch nicht einmal erlaubt habe ein Andenken mitzunehmen. Ich hatte einfach Angst, du könntest dich dann nie an dein neues Leben gewöhnen. Eines von den schönen bunten Seidentüchern, wie du sie damals trugst, könnte uns jetzt allerdings sehr helfen."

"Was soll denn das heißen ?" fragte Zindy verblüfft. "Wieso hat Mama mal bunte Seidentücher getragen ?"

Die Koboldeltern sahen sich vielsagend an. "Ja, wisst ihr", begann der Vater zögernd, "eure Mutter ist nicht immer ein Höhlenkobold gewesen. Kennen gelernt habe ich sie als Menschenkobold, da hat sie in einem Haus gewohnt und Kleider getragen, wie die Menschen es tun. Als wir geheiratet haben, wollte sie gern einige davon mitnehmen, aber ich habe nein gesagt."

Die Koboldmutter lachte. Und du meinst, ich hätte mir das verbieten lassen ?" Sie schaute ihren Mann spitzbübisch an : "Von wegen ! Ich habe ganz einfach ein paar Seidentücher in meiner Tasche versteckt, und in mancher Nacht, wenn ihr alle tief schlaft, hole ich sie hervor und schmücke mich damit."

"Zeigst du sie uns ?" bettelte Zindy.

"Ganz sicher nicht", sagte die Mutter. "Die Tücher sind mein ganz persönlicher Schatz und der sollen sie auch bleiben. Ein schönes buntes Tuch werde ich dir leihen", wandte sie sich nun Arti zu, "du musst aber versprechen, dass du es mir zurückgibst, sobald es seinen Zweck erfüllt hat."

"Danke, Mama !" sagte Arti, der nun wieder neue Hoffnung schöpfte.

Als die Koboldmutter merkte, dass alle noch wachen Kinder sie erwartungsvoll anstarrten, fing sie erneut an zu lachen. "Ihr glaubt doch wohl nicht, dass ich euch mein Versteck preisgebe!" Noch einmal lachte sie laut und sagte dann sehr bestimmt : "Da macht euch keine Hoffnungen, denn das ist und bleibt mein großes Geheimnis. Also, Kinder, klappt eure Ohren aus, es wird nämlich höchste Zeit für euch."

Wenn die Mutter in diesem Tone sprach, nutzte kein Bitten und Betteln, das wussten die Koboldkinder, deshalb legten sich nun alle eilig hin, mitsamt dem Vater, und bemühten sich krampfhaft, so zu tun, als ob sie schliefen. Die Koboldmutter aber kannte ihre Familie viel zu gut, als dass sie sich hätte täuschen lassen. Ein so übertriebenes Schnarchen konnte nicht echt sein und mit angehaltenem Atem schläft es sich auch schlecht. Als sie endlich sicher war, dass alle Kobolde außer ihr in tiefen Schlaf gesunken waren, stand sie leise leise auf, schlich zu der Felsenwand, die zum Höhlenausgang führte, und presste ihre Hände dagegen. Und sofort tat sich ein schmaler Spalt auf, gerade breit genug um sie einzulassen in eine kleine Kammer mit einem großen Spiegel, die sich dahinter befand.

weiter zu Teil 2